Wie Sie mit der Situationsanalyse dem Stress auf die Spur kommen

Kennen Sie das Gefühl? Sie sitzen am Schreibtisch, die To-do-Liste starrt Sie an, und Ihr Puls rast, obwohl Sie eigentlich „nur“ arbeiten. Oft sagen wir: „Ich habe gerade viel Stress.“ Aber das ist so, als würde man sagen: „Das Auto ist kaputt“, ohne unter die Motorhaube zu schauen. Wenn wir den Stress besiegen wollen, müssen wir wissen, wo genau es hakt. Die Situationsanalyse ist Ihr Diagnose-Tool, um das Chaos im Kopf in logische Bausteine zu zerlegen.

1. Das Modell: Die drei Merkmale

Stress entsteht selten durch nur eine Ursache. Er ist das Ergebnis einer Wechselwirkung der drei Situationsmerkmale Person, Umwelt und Aufgabe.

Situationskomponenten der Handlung, Person, Umwelt, Aufgabe
Situationsmerkmale (nach Nitsch & Hackfort, 1981, S. 278)

Person (Das „Ich“): Hier geht es um alles, was Sie persönlich mitbringen. Ihre aktuellen Ressourcen, Ihre körperliche Verfassung, aber auch Ihre inneren Antreiber. (Beispiele: Perfektionismus, Schlafmangel, Fachwissen, aktuelle Sorgen oder körperliche Fitness)

Umwelt (Der „Rahmen“): Das ist das Spielfeld, auf dem Sie sich bewegen. Faktoren, die von außen auf Sie einwirken und die Sie oft nur bedingt kontrollieren können. (Beispiele: Lärmpegel im Großraumbüro, die Unternehmenskultur, das Verhalten von Kolleg*innen oder auch die technische Ausstattung)

    Aufgabe (Das „Was“): Hier schauen wir uns die konkrete Tätigkeit an. Was genau wird von Ihnen verlangt? (Beispiele: Komplexität eines Projekts, Zeitdruck, Unklarheit über das Ziel oder schlicht die Menge der Arbeit)

      2. Warum wir gestresst sind?

      Stress entsteht immer dann, wenn die Anforderungen der Aufgabe und die Bedingungen der Umwelt nicht mehr mit den Ressourcen der Person zusammenpassen. 

      • Szenario A: Die Aufgabe ist zwar machbar, aber die Umwelt (ständige Unterbrechungen) macht sie unmöglich.
      • Szenario B: Die Umwelt ist perfekt (Ruhe, Homeoffice), aber der Person (also Ihnen) fehlt das Wissen für die komplexe Aufgabe.

      Merke: Stress ist das Warnsignal deines Systems, dass die Statik dieser drei Situationsmerkmale nicht mehr stimmt.

      Verdeutlichen wir das an einem Beispiel. Stellen Sie sich  Sarah vor. Sie ist Projektleiterin, arbeitet seit zwei Wochen im Homeoffice und fühlt sich am Ende des Tages völlig ausgebrannt. Wenn Sarah lediglich feststellt „Ich habe Stress“, kann sie mit dieser Aussage allein nichts ändern. Besser ist: Wir analysieren ihre Situation mit unserem Modell:

      • Die Aufgabe: Sarah muss einen komplexen Quartalsbericht erstellen. Die Datenlage ist unklar, und die Deadline ist morgen. (Hohe Komplexität + Zeitdruck).
      • Die Umwelt: Im Homeoffice teilt sie sich den Küchentisch mit ihrem Partner, der ständig telefoniert. Zudem ploppen sekündlich E-Mails von Kollegen auf, die „nur mal kurz“ etwas wissen wollen.
      • Die Person: Sarah hat den inneren Anspruch, alles perfekt abzuliefern. Zudem hat sie letzte Nacht schlecht geschlafen, weil sie über den Bericht gegrübelt hat.

      Die Lösung: Durch die Analyse erkennt Sarah, dass nicht „die Arbeit“ das Problem ist. Sie schaltet die E-Mail-Benachrichtigungen aus (Hebel Umwelt), bittet ihren Chef um zwei fehlende Zahlen, statt sie selbst mühsam zu suchen (Hebel Aufgabe) und akzeptiert, dass der Bericht heute „gut genug“ statt „perfekt“ sein darf (Hebel Person).

      3. Ihr Selbst-Check

      Nehmen Sie sich 10 Minuten Zeit und stellen Sie sich eine Situation vor, die für Sie immer wieder stressig ist. Gehen Sie für diese Situation diese drei Checklisten durch. Sie können die Checkliste natürlich bei Bedarf um weitere Aspekte erweitern. Bewerten Sie jeden Punkt auf einer Skala von 1 (trifft überhaupt nicht zu) bis 5 (trifft völlig zu):

      Checkliste Person:

      • fehlende Kompetenz/mangelndes Wissen für das Thema
      • körperliche Erschöpfung (Hunger, Durst, Schlafmangel)
      • innere Antreiber („Sei perfekt!“, „Mach es allen recht!“)

      Checkliste Umwelt:

      • störende akustische Reize (Lärm, Unruhe)
      • unangenehme soziale Reize (Konflikte im Team, Unterbrechungen)
      • mangelhafte Ergonomie (schlechter Stuhl, schlechtes Licht, langsame Software)

      Checkliste Aufgabe:

      • unklare Zielvorgaben („Was soll ich hier eigentlich tun?“)
      • zu hohe Menge in zu kurzer Zeit
      • Monotonie oder massive Überforderung durch Komplexität

      4. Strategien: Wo setzen Sie den Hebel an?

      Sobald Sie wissen, welcher Aspekt der Hauptübeltäter ist, können Sie gezielt handeln:

      • Hebel Person: Arbeiten Sie an Ihrer Einstellung (z. B. „Gut genug ist okay“) oder sorgen Sie für regenerative Pausen.
      • Hebel Umwelt: Schaffe Sie Fokus-Zeiten, setzen Sie Grenzen gegenüber Kolleg*innen oder optimieren Sie Ihren Arbeitsplatz.
      • Hebel Aufgabe: Brechen Sie große Brocken in kleine Häppchen, delegieren Sie Teilbereiche oder fordern Sie fehlende Informationen ein.

      Warum ist diese Analyse so wichtig? Weil unser Körper kurzfristigen Stress (Eustress) gut verkraften kann. Gefährlich wird es, wenn die Dysbalance, das heißt, die fehlende Passung zwischen Person, Umwelt und Aufgabe zum Dauerzustand wird.

      Wenn die Aufgabe permanent zu schwer ist oder die Umwelt dauerhaft toxisch bleibt, reagiert unser System mit chronischer Erschöpfung. Das Fatale: Oft suchen wir den Fehler dann nur bei uns selbst (Person). Wir denken, wir müssten belastbarer sein oder noch härter arbeiten. Doch wer versucht, eine unlösbare Aufgabe in einer lauten Umgebung durch reine Willenskraft zu bewältigen, steuert geradewegs auf ein Burnout zu. Die Situationsanalyse ist also auch ein Werkzeug der Prävention und Selbstfürsorge.

      Fazit: Werden Sie vom Getriebenen zum Gestalter

      Die Situationsanalyse nimmt dem Stress das Mysteriöse. Sobald Sie versuchen, belastende Situationen mit Hilfe des Person-Umwelt-Aufgabe-Modells zu analysieren, wird aus einem diffusen Druckgefühl ein lösbares Problem. Sie müssen nicht Ihr ganzes Leben ändern – oft reicht es, an einer einzigen Stellschraube zu drehen, um das Gleichgewicht (die Passung) wiederherzustellen.

      Literatur

      Nitsch, J. R. & Hackfort, D. (1981). Streß in Schule und Hochschule. In J. R. Nitsch (Hrsg.), Stress (S. 263–311). Huber. 

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